Die Blutlinie

Die Blutlinie ist eines der am festesten verankerten Prinzipien, nach dem diese Welt aufgebaut ist. Deshalb wird man an diesem Prinzip viele Jahrhunderte lang vergeblich rütteln können, bevor dieses Prinzip der Allgemeinheit erstmals ernsthaft "überdenkenswürdig" erscheinen mag.

Das Prinzip der Blutlinie selbst ist denkbar einfach:
Die Welt ist nach dem Blut geordnet und nicht nach dem Geist.

Und das ist prinzipiell in Ordnung: Die Eltern ziehen ihre Nachkommen groß und bereiten sie darauf vor, ihr Leben selbst bewältigen zu können.

Problematisch, sehr problematisch, wird das Prinzip der Blutlinie erst, wenn es Besitz und Vererbung des Besitzes gibt.
Denn da großer Besitz an irdischen Gütern beinahe gleichbedeutend ist mit "große Macht über die irdische Welt" - erlangt der Sohn eines reichen und mächtigen Vaters spätestens mit dem Tod des Vaters durch sein Erbe prinzipiell den gleichen Reichtum und die gleiche Macht wie sein Vater.

Dazu bedarf es keinerlei persönlicher Befähigung, Ausbildung, Reife oder charakterlicher Festigkeit. Deshalb werden auf diesem Planeten bisweilen die armseligsten und erbärmlichsten menschlichen Kretins zu wirklich reichen und mächtigen Menschen, die aufgrund ihrer Macht die Geschehnisse in dieser Welt auch noch maßgeblich beeinflussen.

Mit dem despektierlichen Wort "Kretin" meine ich in diesem Kontext Menschen, die, ganz auf sich selbst gestellt und angesichts ihres allgemeinen körperlichen, geistigen, mentalen und personalen Reifegrads, nicht in der Lage wären, ihr eigenes Leben selbstständig zu meistern.

Diese Kretins werden vom Rest der Welt - aufgrund ihres Reichtums und ihrer Macht - geachtet, respektiert, gefürchtet und ernst genommen, wodurch die Kretins in ihrer Kretinodität noch bestätigt und gehuldigt werden.

In der Praxis wird diese Welt denen zur Verwaltung übergeben, die zu dieser Verwaltung oftmals am wenigsten geeignet sind: Den Erben, die für ihr großes Erbe keinerlei Qualifikation benötigen - und gerade deshalb oftmals auch völlig unqualifiziert dafür sind.

Solange die Menschen zum Großteil blinde Schafe sind, solange ist beinahe jedes Ordnungssystem besser als gar kein Ordnungssystem!
Und - die Zerschlagung und Zerstörung von bestehenden Ordnungssystemen bewirkt niemals eine Verbesserung oder Höherentwicklung des Prinzips der menschlichen Ordnungssystemen selbst!
Andererseits "passiert" Evolution stets bloß als "unumgänglich gewordene Anpassung" - also niemals ohne ernsthafte Erforderlichkeit.

"Machet euch die Erde untertan!", so lautet einer der wichtigsten Slogans des patriarchalen Systems.
Dieses Ziel ist von der Menschheit größtenteils erreicht (bis auf die Kleinigkeit des eigenen Todes), und wie geht es nun weiter?

Ich sage: Die Erde mag man sich untertan machen können, aber am Tod und der Vergänglichkeit der belebten Wesen ist nicht zu rütteln!
Und ich sage auch: Nur wer sich selbst prinzipiell als Sklave definiert, trägt in sich die Absicht, andere Lebewesen zu unterwerfen und zu versklaven!
Nur wer sich selbst als Sklave der Erde definiert, wird versuchen, sich die Erde untertan zu machen!
Wer aber frei in sich ruht - inmitten der irdischen Gebundenheiten - wird die Prinzipien der Unterwerfung und der Sklaverei nicht mehr als Wert anerkennen können!

Bislang ruhen aber nur sehr wenige Menschen frei in sich selbst, vielleicht weil "Freiheit des Geistes" noch nicht als Wert gilt, sondern immer noch der sklavische Schlachtruf "Machet euch die Erde untertan" in den Herzen und Köpfen der Menschen seine unselige Wirkung entfaltet.