"Macht"

Auf diesem Planeten herrscht ein höchst sonderbares Verständnis von Macht.
Ein Beispiel möge zur Veranschaulichung dienen:

Angenommen der Bundeskanzler eines Staates bittet (durch seinen Sekretär) einen Bürger zum Gespräch ins Bundeskanzleramt. In diesem Fall wird der vom Kanzler geladene Bürger wohl dieser Einladug Folge leisten, selbst wenn er gar kein persönliches Bedürfnis dazu hat.
Aber weshalb?
Weil der Bürger weiß, daß ein "mächtiger Mann", wie der Kanzler eines Staates, ihm auf der einen Seite bezüglich seiner persönlichen Agenden sehr nützlich sein könnte, ihm aber auf der anderen Seite auch sein Leben "zur Hölle" machen könnte.

Und das ist auch schon der springende Punkt: Der Bürger befürchtet (und erhofft) keinesfalls die Macht des Kanzlers, sondern bloß dessen Möglichkeit zur Begehung eines Amtsmißbrauches!
Denn der Kanzler ist tatsächlich bloß der Angestellte der Bürger mit dem Auftrag, sich um Verwaltungsaufgaben des Gesellschaftssystems zu kümmern.
Handelt der Kanzler aus persönlichen Motiven und legitimiert er diese Handlung mit staatspolitischen Gründen, dann begeht der Kanzler Amtsmißbrauch!

Das Gleiche gilt im Übrigen auch für einen Kaiser und einen Diktator! In ihrer Person leiten sie die Staatsgeschäfte. Wenn sie nun diese Funktion zur Erlangung ihrer persönlichen Interessen verwenden, dann begehen auch sie Amtsmißbrauch (der allerdings nur schwierig zu ahnden sein wird)!

Das, was die Menschen also als die Macht des Kanzlers, des Kaisers und des Diktators erachten, ist bloß die schwierig zu verhindernde und schwierig zu sanktionierende Möglichkeit dieser Amtsinhaber, die Funktion ihres Amtes aus persönlichen Gründen zu mißbrauchen - und das ist in jedem Fall klarer Ausdruck einer Ohnmacht und nicht einer Macht!
Denn jeder Amtsmißbrauch beruht zwingend auf einer persönlichen Ohnmacht des Amtsinhabers, sonst gäbe es ja keinerlei Grund, Amtsmißbrauch zu begehen!

Somit, obwohl die Menschen glauben, die Macht der Mächtigen zu fürchten und zu bewundern, so befürchten die Menschen eigentlich bloß die persönliche Ohnmacht des Kanzlers, des Kaisers, des Diktators, die sich paart mit der (oftmals) relativ uneingeschränkten Möglichkeit, die Funktion des Amtes aus persönlichen Gründen zu mißbrauchen.

Tja, wie ich schon sagte: Auf diesem Planeten herrscht ein höchst sonderbares Verständnis von Macht!